Am Unterrohr klebt ein kleines Piktogramm mit einer Zahl. In meiner Zeit in der Werkstatt und später in der Entwicklung habe ich erlebt, wie zuverlässig dieser Aufkleber übersehen wird, von Käufer*innen und im Verkaufsgespräch gleichermaßen. Dabei steht darauf, wofür der Hersteller das Rad freigegeben hat. Und daneben zwei Angaben, die im Zweifelsfall zählen: das zulässige Gesamtgewicht und die Norm, gegen die geprüft wurde.
Der Name eines Rades sagt dir, wofür es gedacht ist. City, Trekking, Gravel, Mountainbike. Die Kategorie sagt dir, wofür der Hersteller geradesteht. Das ist nicht dasselbe.
Die Stufen nach ASTM F2043
Der ältere der beiden Standards kommt aus den USA und ist im Markt weiterhin weit verbreitet. Er beschreibt Einsatzbedingungen, keine Radgattungen:
- Kategorie 1: befestigte Straßen und Wege. Die Reifen sollen dauerhaft Bodenkontakt halten.
- Kategorie 2: zusätzlich unbefestigte Wege und Schotterstraßen mit moderaten Steigungen. Kurzer Verlust des Bodenkontakts ist eingeplant, Drops bis 15 cm.
- Kategorie 3: zusätzlich raue Pfade, unebene unbefestigte Straßen und Gelände, das Fahrtechnik verlangt. Sprünge und Drops unter 61 cm.
- Kategorie 4: zusätzlich Abfahrten auf rauen Wegen bei Geschwindigkeiten unter 40 km/h. Sprünge unter 122 cm.
- Kategorie 5: extreme Sprünge und Abfahrten über 40 km/h. Downhill, Freeride, Dirt.
Dazu kommt eine Condition 0 für Kinder- und Gehwegräder, die im Verkaufsraum selten auftaucht, in Anleitungen aber sehr wohl: KTM führt in der eigenen Betriebsanleitung die Kategorien 0 bis 5 und für E-Bikes zusätzlich E0 bis E5. „Kategorie 1 bis 5" ist also die übliche Spanne, aber nicht die vollständige.
Jede höhere Stufe schließt die darunter ein. Ein Rad der Kategorie 4 deckt auch alles ab, was 1 bis 3 verlangen. Nach oben gilt das nicht.
DIN EN 17406: sechs Bedingungen statt fünf
2020 hat das europäische Normungskomitee mit der EN 17406 nachgezogen, in Deutschland als DIN EN 17406. Die Stufen 1 bis 5 sind fast deckungsgleich mit ASTM: Drops unter 15 cm bei Bedingung 1 und 2, unter 60 cm bei 3, unter 120 cm bei 4, darüber bei 5.
Zwei Dinge sind neu, und beide sind wichtiger, als sie klingen.
Erstens stehen E-Bikes ausdrücklich drin. In jeder einzelnen Zeile der Normtabelle heißt es „Fahrräder und EPACs" (EPAC steht für „electrically power assisted cycle", also das Pedelec mit Tretunterstützung). Die ASTM-Fassung stammt aus 2013 und kennt das Pedelec praktisch nicht. Das ist der eigentliche Grund, warum eine neue Klassifizierung gebraucht wurde. Nicht, wie oft behauptet, weil ASTM nur Mountainbikes abgedeckt hätte. Die dortige Kategorie 1 war von Anfang an das Straßenrad.
Zweitens gibt es eine Bedingung 6. Sie beschreibt keine Radgattung, sondern eine Nutzungsart. Im Wortlaut der Norm: Räder, „für die Bedingung 1 gilt, und die in Wettbewerben oder zu anderen Anlässen bei hohen Geschwindigkeiten von mehr als 50 km/h, beispielsweise Abfahrten und Sprints, verwendet werden". Der typische Bereich der Durchschnittsgeschwindigkeit liegt dort bei 30 bis 55 km/h, die Sprunghöhe unter 15 cm.
Die Norm führt für jede Bedingung eine Zeile „Fahrradtyp (Beispiele)": City- und Urban Bikes bei 1, Trekking- und Reiseräder bei 2, Cross-Country- und Marathonräder bei 3, Mountainbikes und Trailbikes bei 4, Downhill-, Dirtjump- und Freeride-Räder bei 5, Rennräder, Zeitfahrräder und Triathlonräder bei 6. Das ist eine Orientierungshilfe. Klassifiziert wird die Nutzung, nicht das Rad.
Aus der Entwicklung: Eine Kategorie entsteht nicht am Schreibtisch, sondern über Prüfstandsläufe an Rahmen, Gabel, Lenker und Sattelstütze. Was dabei wenig bekannt ist: Welche Prüfungen anzuwenden sind, entscheidet zu einem guten Teil der Hersteller selbst. Die EN 17406 sagt das unter ihrer Haupttabelle ausdrücklich: Einige, aber nicht alle Fahrradtypen seien von der Normenreihe EN ISO 4210 abgedeckt, und „es liegt in der Verantwortung des Herstellers zu entscheiden, welche Prüfanforderungen für ein bestimmtes Modell geeignet sind". Die Kategorie ist damit eine belastbare Zusage des Herstellers über seine eigenen Prüfungen, kein von außen vergebenes Siegel. Bei etablierten Marken trage ich das mit. Bei sehr günstigen Rädern lohnt die Frage, gegen welche Norm konkret geprüft wurde. Sie steht auf demselben Aufkleber.
Warum dasselbe Rennrad mal Kategorie 1 und mal Kategorie 6 ist
Beide Systeme sind gleichzeitig im Markt, und jeder Hersteller darf wählen. Was das praktisch bedeutet, zeigt der Blick in zwei Betriebsanleitungen.
Bei SCOTT sind Rennräder, Triathlonräder und Zeitfahrmaschinen Kategorie 1. Die Anleitung von 2017 nutzt ein eigenes Schema, in dem die Straße ganz unten steht.
Bei Bergamont ist das Rennrad Kategorie 6. Die Anleitung von 2023 hat die Formulierungen der EN 17406 übernommen, samt der neuen sechsten Stufe.
Dasselbe Rad, dieselbe Nutzung, zwei Zahlen, die fünf Stufen auseinanderliegen. SCOTT unterteilt zusätzlich in Unterkategorien: 2.1 für City und Trekking, 2.2 für Kinderräder, 2.3 für Cyclocross, 5.1 für Downhill und Freeride, 5.2 für Dirtjump.
Die Zahl allein hilft dir deshalb nicht weiter. Sie wird erst zur Aussage, wenn du weißt, gegen welche Definition dein Hersteller sie vergeben hat. Die steht in der Bedienungsanleitung, nicht auf dem Aufkleber.
Anbauteile können die Freigabe verändern
Hier wird es für den Alltag interessant: Ein Gepäckträger kann die Kategorie deines Rades verschieben. Geregelt ist das nicht in der Norm, sondern in der Betriebsanleitung deines Herstellers, und dort auf sehr unterschiedliche Weise. Ich habe fünf aktuelle Anleitungen nebeneinandergelegt und drei verschiedene Mechaniken gefunden.
Herabstufung auf eine feste Kategorie
Cube schreibt in der allgemeinen Betriebsanleitung: „Bitte beachten Sie, dass sich bei der Verwendung von Hinterbauständern, Schutzblechen, Gepäckträgern, sowie Fahrradanhängern der Einsatzbereich des Modells immer auf Einsatzkategorie 2 verändert." Kein Herunterstufen um eine Stufe also, sondern ein festes Ziel.
KTM regelt es ähnlich, mit einer Ausnahme, die man kennen sollte: „Werden bei Offroad Modellen zusätzlich Gepäckträger, Schutzbleche oder ein Kettenschutz montiert, ändert sich die Kategorie automatisch auf 2 bzw. E2. Ausgenommen sind sogenannte ‚Short Fenders', die ohne Streben an der Gabel oder am Rahmen bzw. Sattel montiert werden können." Ein Steckschutzblech ohne Streben lässt die Freigabe also unangetastet.
Zulassung, gebunden an die Ösen am Rahmen
Bergamont und SCOTT stufen nicht herab, sondern erlauben einen Gepäckträger überhaupt nur dort, wo der Rahmen dafür vorbereitet ist. Bergamont: „Gepäckträger sind nur zugelassen, wenn an den Hinterbaustreben und an den Ausfallenden Ihres BERGAMONT-Bikes Befestigungsvorrichtungen für Gepäckträger vorhanden sind." SCOTT formuliert das für Trekking- und Urbanräder fast wortgleich.
Schlichtes Verbot
Für Kindersitze und Anhänger gilt bei vielen Herstellern gar keine Herabstufung, sondern ein Nein. KTM: „Fahrräder der Kategorie 1, 4, 5, sowie E1, E4 und E5 sind […] für die Nutzung von Kindersitzen nicht geeignet", und die Montage eines Anhängers ist an Kategorie-1-Rädern, vollgefederten Rädern und Carbonrahmen „nicht zulässig". SCOTT: „An SCOTT-Mountainbikes sind (Kinder-)Anhänger, Kindersitze und Kindernachziehvorrichtungen nicht zugelassen." Canyon: „Kindersitze sind generell nicht erlaubt", dazu der Hinweis, dass ein Gepäckträger bei Rädern mit Carbonsattelstütze ausscheidet. Bergamont dreht es um und erlaubt Anhänger und Kindersitze nur, wenn das auf der mitgelieferten Karte mit den zulässigen Gesamtgewichten ausdrücklich vermerkt ist.
Drei Mechaniken, fünf Hersteller, kein gemeinsamer Nenner. Wenn du wissen willst, was an dein Rad darf, hilft nur die eigene Anleitung.
Für ein Trekking- oder E-Trekkingrad ist das in der Regel unkritisch: Es steht ohnehin in der Stufe, in die es mit Gepäckträger und Schutzblechen gehört. Eng wird es bei Rädern, die fürs Gelände beworben und dann mit Gepäckträger und Anhänger bewegt werden. Und bei Carbon, wo gleich mehrere Hersteller die Grenze enger ziehen.
Aus der Werkstatt: Was in der Werkstatt ankommt, sind selten gerissene Rahmen. Es sind die Verbindungen. Abgerissene Gepäckträgerschrauben sehe ich häufig, ausgerissene Schutzblechgewinde im Rahmen ebenso, dazu gebrochene Schutzbleche. Und dann sind da die Reifen, die genauso zur Kategorie gehören wie der Rahmen. Überspitzt gesagt: Ein Continental Grand Prix 5000 S TR ist ein hervorragender Reifen, solange er auf Asphalt bleibt. Auf den Trail geschickt, ginge er mir vermutlich zügig kaputt, Durchschlag oder Flankenschnitt. So drastisch kommt das im Alltag selten vor, aber die Richtung stimmt. Wer sein Rad außerhalb seiner Kategorie bewegt, merkt das meist zuerst an solchen Teilen, lange bevor der Rahmen etwas sagt. Dass am Ende doch der Rahmen aufgibt, sehe ich selten. Ausschließen würde ich es nicht.
Was passiert, wenn du dauerhaft darüber fährst
Ein Rad bricht nicht, weil du einmal eine Stufe zu hoch unterwegs warst. Was sich aufbaut, ist Materialermüdung, und die zeigt sich lange nicht an der Oberfläche. Der Ausfall kommt dann an einer Stelle, die vorher unauffällig aussah.
Wie ernst die Hersteller das nehmen, sieht man an den Wartungsvorgaben. SCOTT schreibt für Räder der Kategorie 4 mindestens zwei Inspektionen pro Jahr vor, für Kategorie 5 mindestens drei, ausdrücklich als Pflicht und nicht als Empfehlung. Wer sein Rad regelmäßig oberhalb seiner Stufe bewegt, hat damit einen brauchbaren Maßstab.
Worauf du dabei schaust: die Schweißnähte am Steuerrohr und am Tretlager, die Klemm- und Anschraubpunkte von Gepäckträger und Ständer, die Ösen an den Ausfallenden und die Sattelstütze am Übergang zum Rahmen.
Fakten auf einen Blick
- Die Kategorie beschreibt die Nutzung, für die Rahmen, Gabel und Anbauteile freigegeben sind. Radtypen nennen die Normen nur als Beispiel.
- ASTM F2043 unterteilt in die Stufen 1 bis 5, dazu eine Condition 0 für Kinderräder. Drops: unter 15 cm bei Stufe 2, unter 61 cm bei 3, unter 122 cm bei 4, darüber bei 5.
- DIN EN 17406 ist die europäische Klassifizierung von 2020, bezieht E-Bikes ausdrücklich ein und ergänzt eine Bedingung 6 für Wettbewerbsfahrten über 50 km/h.
- Beide Systeme laufen parallel. Dasselbe Rennrad ist bei SCOTT Kategorie 1 und bei Bergamont Kategorie 6.
- Gepäckträger, Schutzblech, Ständer oder Anhänger können die Freigabe verändern. Cube und KTM stufen auf Kategorie 2 herab, Bergamont und SCOTT knüpfen die Zulassung an Befestigungsösen, für Kindersitze gilt vielfach ein Verbot.
- Fahren oberhalb der Freigabe führt nicht zum sofortigen Bruch, sondern zu Materialermüdung an Rahmen, Anbauteilen und Verschleißteilen.
- Auf dem Aufkleber am Unter- oder Sattelrohr stehen neben der Kategorie meist auch das zulässige Gesamtgewicht und die angewandte Norm.
Häufige Fragen
Wo finde ich die Kategorie meines Fahrrads?
Auf einem Aufkleber im Bereich von Unterrohr oder Sattelrohr. Dort stehen meist auch das zulässige Gesamtgewicht und die Norm, nach der geprüft wurde. Die Definition, was die Zahl bei deinem Hersteller bedeutet, steht in der Bedienungsanleitung, nicht auf dem Aufkleber. Findest du weder das eine noch das andere, frag beim Hersteller nach, bevor du das Rad im Gelände oder mit Zuladung bewegst.
Senkt ein Gepäckträger die Kategorie meines Rades?
Bei manchen Herstellern ja. Cube stuft jedes Rad mit Hinterbauständer, Schutzblech, Gepäckträger oder Anhänger auf Einsatzkategorie 2 herab, KTM tut das bei Offroad-Modellen mit Gepäckträger, Schutzblech oder Kettenschutz. Bergamont und SCOTT stufen dagegen nicht herab, sondern lassen einen Gepäckträger nur dort zu, wo Befestigungsvorrichtungen an Hinterbaustreben und Ausfallenden vorhanden sind. Verbindlich ist immer die Bedienungsanleitung deines Rades.
Ist ein Rad der Kategorie 5 besser als eines der Kategorie 2?
Nein. Die Kategorie beschreibt die Nutzung, für die ein Rad freigegeben ist, und sagt nichts über seine Qualität. Für den Weg zur Arbeit auf Asphalt und Schotter ist ein Rad der Stufe 2 richtig dimensioniert. Eine höhere Stufe bringt dir dort keinen Vorteil, wohl aber mehr Gewicht, mehr Verschleißteile und einen höheren Preis.
Was ist der Unterschied zwischen ASTM F2043 und DIN EN 17406?
ASTM F2043 ist der ältere US-Standard und beschreibt die Stufen 1 bis 5, dazu eine Condition 0 für Kinderräder. DIN EN 17406 ist die europäische Klassifizierung von 2020. Sie ordnet die Stufen 1 bis 5 fast deckungsgleich ein, bezieht E-Bikes ausdrücklich mit ein und ergänzt eine Bedingung 6 für Wettbewerbsfahrten bei mehr als 50 km/h. Beide Systeme sind derzeit parallel im Markt, jeder Hersteller darf wählen.
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Welche Fragen vor dem Kauf noch wichtiger sind als der Aufkleber, klärt der Ratgeber E-Bike kaufen: Checkliste und worauf es wirklich ankommt. Wie eine unabhängige Fahrradberatung für Privatpersonen bei mir abläuft, zeigt die Startseite.
Quellen
- DIN EN 17406:2021-11, Gebrauchsklassifizierung von Fahrrädern; Deutsche Fassung EN 17406:2020+A1:2021. Bedingungen und Fahrradtypen: Tabelle 1.
- ASTM F2043-13(2018), Standard Classification for Bicycle Usage. Conditions 1 bis 5; Condition 0 zusätzlich referenziert in ASTM F2843.
- Cube, Allgemeine Betriebsanleitung MTB/Rennrad/Trekking, Modelljahr 2024.
- KTM Fahrrad GmbH, Original-Betriebsanleitung Bike 2025.
- SCOTT Sports, Original-Betriebsanleitung Mountainbike und Mountainbike-Pedelec sowie Kurzanleitung, 2017.
- Bergamont, Allgemeine Bedienungsanleitung, Modelljahr 2023.
- Canyon Bicycles, Manual Mountain Bike, 2018.
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