Auf dem Datenblatt stehen 120 Kilometer. Du fährst los, und nach 50 zeigt der Akku schon Reserve. Du hast nichts falsch gemacht. Diese Zahl war nie für deine Straße gedacht.

Die Prospektzahl kommt aus dem Labor, nicht von deiner Straße

Reichweitenangaben entstehen unter Bedingungen, die im echten Leben nie alle gleichzeitig zusammenkommen: niedrigste Unterstützungsstufe, flache Strecke, milde Temperatur, eine leichte fahrende Person, optimaler Reifendruck und ein gleichmäßiger Tritt. Unter diesen Umständen fährt ein E-Bike tatsächlich weit. Nur fährt so niemand zur Arbeit.

Aus der Entwicklung: Diese Kilometerzahl ist eine Bestmarke, kein Versprechen. Sie zeigt, was geht, wenn alles passt. Das eigentliche Problem ist nicht, dass sie zu hoch ist, sondern dass sie eine einzige Zahl für eine Größe angibt, die je nach Bedingungen um mehr als das Doppelte schwankt. Wer zwei Räder anhand ihrer Reichweitenangaben vergleicht, vergleicht zwei unterschiedlich optimistische Annahmen, nicht zwei Räder.

Was deine Reichweite wirklich frisst

Der mit Abstand größte Hebel ist die Unterstützungsstufe, und den hast du selbst in der Hand. Wer dauerhaft in der höchsten Stufe fährt, kann die Reichweite gegenüber der sparsamsten Stufe halbieren. Nichts beeinflusst deine Reichweite so stark wie die Frage, wie viel der Motor mitschiebt.

Danach kommt alles, was Energie kostet, weil es Masse bewegt oder bremst:

  • Dein Gewicht plus Gepäck. Jedes Kilo will beschleunigt und den Berg hochgezogen werden, besonders im Stop-and-Go.
  • Höhenmeter. Steigungen leeren den Akku schneller als jede andere Streckeneigenschaft.
  • Gegenwind. Ein zäher Wind wirkt wie ein Berg, den man nicht sieht.
  • Kälte. Bei niedrigen Temperaturen sinkt die nutzbare Kapazität, im Winter kommst du mit derselben Ladung weniger weit.
  • Reifen und Luftdruck. Zu wenig Druck und grobe Profile kosten spürbar Energie.
  • Deine Fahrweise. Ständiges Anfahren und ein zu großer Gang bei niedriger Trittfrequenz ziehen mehr Strom.

Keiner dieser Punkte ist ein Defekt. Es ist Physik. Ein ehrliches Reichweitengefühl bekommst du erst, wenn du sie zusammen denkst, statt der einen Zahl zu glauben.

Die einzige ehrliche Zahl: Wattstunden pro Kilometer

Beim Kauf zählt die Kapazität des Akkus in Wattstunden, kurz Wh. Das ist die Größe deines Tanks. Was daraus an Kilometern wird, entscheidet der Verbrauch: Reichweite in Kilometern entspricht der Kapazität in Wattstunden geteilt durch den Verbrauch pro Kilometer.

Für den Verbrauch gibt es gemessene Werte. Die Redaktion der Zeitschrift ElektroRad fährt regelmäßig einen Reichweitentest und misst über einen Ladestromzähler, wie viel Energie bis zur Vollladung zurückfließt. Auf einer flachen Runde im Emsland lagen elf Antriebe 2024 zwischen 4,34 und 7,63 Wattstunden pro Kilometer. Auf einer ganz anderen Runde am Schliersee, gut 60 Kilometer mit rund 1.000 Höhenmetern, lag der Schnitt 2020 bei 9,07 Wattstunden pro Kilometer, der durstigste Antrieb zog dort 10,56.

Rechne das auf einen 500-Wh-Akku um: Bei 5 Wattstunden pro Kilometer sind es 100 Kilometer, bei 11 Wattstunden pro Kilometer noch 45. Derselbe Akku, mehr als doppelte Spanne. Genau deshalb sagt eine einzelne Kilometerangabe so wenig.

Wichtig zur Einordnung: Die 100 Kilometer sind das rechnerische obere Ende, nicht der Normalfall. Die Testräder von 2024 kamen tatsächlich 52 bis 62 Kilometer weit, weil die sparsamsten Antriebe meist in Leichträdern mit kleineren Akkus stecken. Den sparsamsten Verbrauch und den größten Akku bekommst du selten im selben Rad.

Aus der Entwicklung: Die flachen Testwerte entstanden bei kontrollierten 100 Watt eigener Tretleistung, mittlerer Unterstützungsstufe und 120 Kilogramm Systemgewicht aus Fahrer, Rad und Gepäck. Am Berg trat die Redaktion mit 120 bis 130 Watt sogar kräftiger mit, und trotzdem stieg der Verbrauch, weil die Höhenmeter alles andere überlagern. Die Eigenleistung ist der Wert, den fast alle Verbrauchsangaben verschweigen, und sie entscheidet mit: Was du nicht selbst trittst, holt der Motor aus dem Akku. Ein Verbrauchswert ohne Angabe der Eigenleistung ist nicht vergleichbar.

Faustregel: Plane mit 10 Wattstunden pro Kilometer, wenn du Reserve willst, und mit 6 bis 7, wenn du flach, in mittlerer Stufe und mit ordentlichem eigenem Tritt unterwegs bist. Teile deine Akkukapazität durch diesen Wert, das ist deine Reichweite.

Wie viele Kilometer schafft man mit dem E-Bike am Tag?

Das ist eine andere Frage als die nach der Akkuladung, und sie hat eine andere Antwort. Die Tagesstrecke begrenzt meistens nicht der Akku, sondern deine Zeit im Sattel. Rechne sie so: reine Fahrzeit mal Durchschnittsgeschwindigkeit. Wer vier Stunden fährt und im Schnitt 18 km/h schafft, kommt auf gut 70 Kilometer. Bei einem Verbrauch um 7 Wattstunden pro Kilometer trägt ein 500-Wh-Akku eine solche flache Tagesetappe gerade so. Ob das ein leichter oder ein harter Tag wird, entscheidet nicht der Motor.

Kondition: der Motor nimmt dir Kraft ab, keine Sitzzeit

Der Antrieb macht Steigungen flach und Gegenwind erträglich. Was er nicht ändert: Du sitzt trotzdem vier oder fünf Stunden auf demselben Sattel, mit demselben Druck auf Händen und Nacken. Bei ungeübten Fahrer*innen geben die Kontaktpunkte deutlich vor den Beinen auf. Wer noch nie 60 Kilometer am Stück gefahren ist, sollte für die erste Tour keine 100 planen, egal wie groß der Akku ist.

Aus dem Handel: Im Verkauf kam fast jede Reichweitenfrage bei mir als Akkufrage an. Nach der ersten längeren Tour ging es dann um Sattel, Griffe und Sitzposition, nie um Wattstunden. Für die Tagesstrecke bringt eine passende Sitzposition mehr als jede zusätzliche Akkukapazität.

Pausen: sie kosten Zeit, nicht Akku

Sechs Stunden unterwegs heißt nicht sechs Stunden fahren. Mit Kaffee, Mittagessen, Fotostopps und vielleicht einer Panne bleiben davon realistisch vier. Plane deine Tagesstrecke deshalb nach reiner Fahrzeit und rechne die Pausen obendrauf, sonst kommst du im Dunkeln an. Für den Akku sind Pausen unkritisch. Im Kalten gilt allerdings: Der Akku kühlt aus und gibt danach kurzzeitig weniger her.

Nachladen unterwegs: lieber leer als halbvoll an die Steckdose

Ein Standardladegerät braucht für eine volle Ladung je nach Ladestrom etwa drei bis sechs Stunden. Eine Mittagspause bringt dir also eine Teilladung, keine volle. Trotzdem lohnt sie sich, wenn du sie richtig legst.

Aus der Entwicklung: Lithium-Ionen-Akkus laden im unteren Ladebereich mit voller Leistung und drosseln ab etwa 80 Prozent deutlich. Die letzten 20 Prozent dauern überproportional lange, oft noch einmal ein bis zwei Stunden. Für einen Ladestopp heißt das: Eine Stunde an einem fast leeren Akku bringt spürbar mehr Kilometer als dieselbe Stunde an einem halbvollen.

Praktisch führt das auf drei Entscheidungen vor der Tour. Erstens: Ladegerät mitnehmen oder nicht. Es wiegt und braucht Platz, dafür macht es jede Steckdose zur Tankstelle. Zweitens: Zweitakku statt Ladegerät, wenn du nicht auf eine Pause angewiesen sein willst und das Mehrgewicht akzeptierst. Drittens: Unterstützungsstufe runter, sobald absehbar ist, dass es knapp wird. Das ist der einzige Hebel, der unterwegs sofort wirkt. In Gasthäusern und Cafés entlang etablierter Radrouten kannst du außerdem ruhig nach einer Steckdose fragen, dort ist das eine übliche Bitte.

Faustregel: Plane die Tagesstrecke nach deinem Körper und der Uhr, den Akku danach. Wenn der Akku die Strecke schafft und du nicht, hast du das falsche Problem gelöst.

So viel Akku brauchst du wirklich

Dreh die Frage um. Nicht "wie weit fährt dieses Rad", sondern "wie weit muss ich fahren". Schätze deine echte Tagesstrecke, rechne sie mit einem konservativen Verbrauch in Wattstunden um, nimm einen Puffer für Kälte, Wind und die Tage, an denen du mehr unterwegs bist. Für viele Pendler*innen reicht ein mittlerer Akku mit Reserve völlig aus.

Mehr ist nicht automatisch besser. Ein größerer Akku wiegt mehr und kostet mehr, und das schleppst du jeden Tag mit, auch an den vielen kurzen Tagen. Wer nur selten weite Strecken fährt, ist mit einem passenden Akku plus der Möglichkeit, unterwegs oder am Arbeitsplatz zwischenzuladen, oft besser dran als mit dem größten verfügbaren Akku. Ein Zweitakku für die seltene Langstrecke kann sinnvoller sein, als täglich Gewicht spazieren zu fahren.

Wenn du grundsätzlich unsicher bist, worauf es beim Kauf ankommt, hilft dir mein Ratgeber E-Bike kaufen: Was du wissen musst weiter. Wie meine Beratung abläuft, zeigt der Überblick für Privatpersonen.

Fakten auf einen Blick

  • Gemessener Verbrauch auf einer flachen Tourenrunde 2024: 4,34 bis 7,63 Wattstunden pro Kilometer über elf Antriebssysteme.
  • Auf einer bergigen Runde mit rund 1.000 Höhenmetern lag der Schnitt 2020 bei 9,07 Wattstunden pro Kilometer, der höchste Einzelwert bei 10,56.
  • Die flachen Testwerte gelten für 100 Watt eigene Tretleistung, mittlere Unterstützungsstufe und 120 Kilogramm Systemgewicht.
  • Faustformel: Reichweite in km entspricht Wattstunden geteilt durch Verbrauch pro km.
  • Daraus für 500 Wh: rund 100 Kilometer bei 5 Wh/km, rund 45 Kilometer bei 11 Wh/km.
  • Die Testräder selbst kamen 52 bis 62 Kilometer weit, weil sparsame Antriebe meist mit kleineren Akkus kombiniert sind.
  • Die angegebene Reichweite im Prospekt ist ein Bestwert unter Idealbedingungen und taugt nicht als Planungsgröße.
  • Die Unterstützungsstufe ist der größte Hebel: die höchste Stufe kann die Reichweite gegenüber der sparsamsten halbieren.
  • Gewicht, Höhenmeter, Gegenwind, Kälte, Reifendruck und Fahrweise senken die Reichweite zusätzlich.
  • Kälte reduziert die nutzbare Kapazität vorübergehend, ohne den Akku dauerhaft zu schädigen.
  • Die Tagesstrecke begrenzt meist die Zeit im Sattel und die Kondition, nicht die Akkukapazität.
  • Rechenweg Tagesstrecke: reine Fahrzeit mal Durchschnittsgeschwindigkeit, Pausen kommen obendrauf.
  • Ein Standardladegerät braucht für eine volle Ladung etwa drei bis sechs Stunden, eine Mittagspause bringt nur eine Teilladung.
  • Ein Ladestopp bringt an einem fast leeren Akku mehr Kilometer als an einem halbvollen, weil der obere Ladebereich ab rund 80 Prozent langsamer lädt.
  • Mehr Kapazität heißt mehr Gewicht und Kosten; sinnvoll ist die Kapazität, die zu deiner echten Tagesstrecke plus Puffer passt.

Quelle der Verbrauchswerte: Reichweitentests der Zeitschrift ElektroRad (BVA BikeMedia). Flache Werte aus dem Reichweitentest 2024: Runde von 52,3 Kilometern mit 110 Höhenmetern im Emsland, elf Antriebe, Systemgewicht 120 Kilogramm, mittlere Unterstützungsstufe, kontrollierte Eigenleistung von 100 Watt, Verbrauchsmessung über Ladestromzähler. Bergige Werte aus dem Reichweitentest 2020 am Schliersee: gut 60 Kilometer mit rund 1.000 Höhenmetern und einer Eigenleistung von 120 bis 130 Watt. Die beiden Jahrgänge sind wegen der unterschiedlichen Strecken und Eigenleistungen nicht direkt vergleichbar, sie zeigen die Spannweite. Die Redaktion bezeichnet ihre Ergebnisse als nur bedingt reproduzierbar. Die Umrechnung auf Kilometer stammt von mir.

Häufige Fragen

Wie weit kommt man mit einem E-Bike?

Mit einem 500-Wh-Akku rechnerisch etwa 45 bis 100 Kilometer, je nach Verbrauch. In den Reichweitentests der Zeitschrift ElektroRad wurden 2024 auf einer flachen Runde im Emsland 4,34 bis 7,63 Wattstunden pro Kilometer gemessen. Auf einer bergigen Runde am Schliersee mit rund 1.000 Höhenmetern lag der Schnitt 2020 dagegen bei 9,07 Wattstunden pro Kilometer, der durstigste Antrieb bei 10,56. Die Rechnung dahinter: Kapazität in Wattstunden geteilt durch Verbrauch pro Kilometer ergibt die Reichweite. Wichtig ist die eigene Tretleistung, denn was du nicht selbst trittst, holt der Motor aus dem Akku. Die flachen Testwerte entstanden bei kontrollierten 100 Watt Eigenleistung. Wer weniger tritt, höher unterstützt fährt oder Steigungen, Zuladung und Kälte dazurechnet, landet am unteren Ende.

Wie viele Kilometer schafft man mit dem E-Bike am Tag?

Das begrenzt in der Regel nicht der Akku, sondern die Zeit im Sattel und die eigene Kondition. Rechne die Tagesstrecke aus reiner Fahrzeit mal Durchschnittsgeschwindigkeit: Wer vier Stunden fährt und im Schnitt 18 km/h schafft, kommt auf gut 70 Kilometer. Bei einem gemessenen Verbrauch um 7 Wattstunden pro Kilometer trägt ein 500-Wh-Akku eine solche flache Tagesetappe gerade so. Reicht es nicht, hilft eine sparsamere Unterstützungsstufe, ein Zweitakku oder ein Ladestopp. Ein Ladestopp bringt am meisten, wenn der Akku weitgehend leer ist, weil die letzten Prozent überproportional lange dauern.

Verliert der E-Bike-Akku im Winter Reichweite?

Ja. Kälte senkt die nutzbare Kapazität vorübergehend, im Winter kommst du mit derselben Ladung spürbar weniger weit. Lagere den Akku bei Zimmertemperatur, setze ihn erst kurz vor der Fahrt ein und lade ihn drinnen. Die Kapazität kommt bei wärmeren Temperaturen wieder zurück, ein dauerhafter Schaden ist das nicht.

Ist mehr Akkukapazität immer besser?

Nein. Mehr Wattstunden bedeuten mehr Gewicht und mehr Kosten. Sinnvoll ist die Kapazität, die zu deiner echten Tagesstrecke plus einem Puffer passt. Wer selten weite Strecken fährt, ist mit einem passenden Akku und der Möglichkeit zum Zwischenladen oft besser bedient als mit dem größten verfügbaren Akku.

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Peter Bauch
Peter Bauch Gelernter Zweiradmechaniker mit Erfahrung in Werkstatt und Fahrradhandel, unter anderem als Abteilungs- und Standortleiter, und ehemaliger Produktmanager in der Entwicklung bei einem großen europäischen Fahrradhersteller. Unabhängiger Fahrradberater, herstellerunabhängig und ohne Provisionen.

Welches E-Bike passt wirklich zu dir?

Statt nach der größten Prospektzahl zu kaufen, finde ich mit dir das Rad, das zu deiner Strecke, deinem Budget und deinem Alltag passt: Fragebogen, persönliches Gespräch, schriftlicher Report mit konkreten Modellvorschlägen für 149 Euro.

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